Stellenbosch & Whale Coast

„Kein Südafrikabesuch ohne Weintour“, das sagt unser Reiseführer und setzt sogar noch ein Ausrufezeichen dahinter. Wein, Ausrufezeichen! Darum geht es in Stellenbosch, einem schnuckeligen Ort, nur eine kurze Autofahrt von Kapstadt entfernt. Im Feierabendverkehr brauchen wir anderthalb Stunden von der Küste Kapstadts ins hügelige Weinland. Wer das Gefühl mag, auf einer OpenAir-Sommer-Hochzeit eingeladen zu sein, wird Stellenbosch lieben. Auf den unzähligen Weingütern sind Tische mit weißen Tischdecken aufgestellt, es gibt gratis Limetten-Wasser zur Erfrischung und natürlich Wein in Flaschen. Beliebt sind die Picknickkörbe voller Köstlichkeiten, die man sich für wenig Geld packen lassen kann, um dann einen schattigen Platz unter einer der vielen alten Eichen zu suchen. Sehr idyllisch. Das ist die eine Seite von Stellenbosch. Die andere ist die der wilden Studentenstadt. Hatten wir uns tagsüber noch wie im Filmset von Pleasentville gefühlt, finden wir uns abends mitten in American Pie wieder. In einer Bar, die in einer alten Villa im viktorianischen Stil untergebracht ist, feiern die Studenten Stellenbosch‘s auf zwei Etagen und der davorliegenden Veranda, die das Haus umfasst. Eine Band spielt, von der ein Großteil des Publikums aber nicht viel mitbekommt. Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, ihre Mission zu erfüllen. Und diese Mission heißt: Saufen. Viele haben eine Karte um den Hals, auf ihr stehen diverse Drinks, bei denen ein ehrenhafter Barkeeper sich lieber mit Wodka flambieren würde, als sie zu mixen. Die Shots enthalten zum Beispiel vor allem Milch und Farbstoffe. Trotzdem fließt das Zeug in Strömen. Denn nach jedem absolvierten Drink, wird die Karte an der entsprechenden Stelle gestanzt. „Wer bis Mitternacht eine komplett gelochte Karte hat, kann ein iPhone6 gewinnen“, erklärt uns eine farbige Studentin, deren Großvater mütterlicherseits Deutscher war und darum den Namen Gretchen trägt. Ihr rothaariger Freund verrät uns auch den Grund für dieses Spektakel: „Dirk!“. Ein gewisser Dirk (gesprochen: Dööörk) feiert hier seinen Geburtstag. Es stellt sich aber heraus, dass kaum einer Dirk persönlich kennt. Durch Zufall lernen wir ihn später kennen, als er gerade dabei ist, eine cremige Flüssigkeit in gierige Studentenmünder zu spritzen, aus einer Flasche. Dirk, so erfahren wir, wird heute 28 und seit ein paar Jahren veranstaltet er diese öffentliche Geburtstagsparty zu seinen Ehren, die mittlerweile so beliebt ist, dass er sich Sponsoren für die Getränke und das iPhone besorgt hat. Die restlichen 364 Tage im Jahr macht Dirk seinen Doktor in Informatik an der Uni Stellenbosch.

Am nächsten Morgen geht es mit leichten Kopfschmerzen (das Wetter!) wieder auf die Straße. Merkwürdiger Weise sind alle Ampeln, die man hier in Südafrika übrigens „Robots“ nennt, ausgeschaltet. Als wir den antiken Laden „Oom Samie se Winkel“ besuchen, gehe ich erst davon aus, dass aus Gründen der Realitätstreue keine Lampe leuchtet, aber dann zeigt uns eine Mitarbeiterin eine Tabelle, aus der hervorgeht, wann und wo im Land der Strom abgeschaltet wird. Dann springen in großen Läden und Restaurants die Generatoren an, aber sonst liegt alles brach und auch die Robots legen ihren Dienst nieder. „Load-Shedding“ nennt man das hier. Grund für das Ganze ist die Stromknappheit in Südafrika. Der staatliche Versorger kann die Nachfrage nicht mehr decken und der eigentliche Grund dafür klingt wie das Best-of der „Pleiten, Pech und Pannen-Show“. Erst stürzte von einem neuen Kraftwerk das Kohlesilo ein, dann rammte ein Lastwagen ein Kabel, dann legten Aschemassen ein Kraftwerk lahm, weil die Filteranlage kaputt war. Warum man in einem Land, wo wir uns täglich Sonnenbrand holen und der Campervan beinahe von der Straße geweht wird, den Strom nicht mit Solar- und Windenergie erzeugt, sondern mit Kohle, kann ich mir ehrlich gesagt nicht erklären.

Der Weg führt uns von Stellenbosch wieder an die Küste. Auch wenn man es mitten in den Weinbergen nicht ahnt, das Meer ist direkt um die Ecke. Unser Campervan muss sich nur über ein paar Berge schleppen, schon funkelt uns der Atlantik entgegen und wir sehen die langen Sandstrände des Ortes, der passenderweise Strand heißt. Diese können wir aber kaum genießen, denn unsere Aufgabe lautet nun „Unterkunft suchen“. Kein Campingplatz lässt uns einfahren, da wir nicht vorab reserviert haben. Angeblich Vorschrift in diesem Teil des Landes. Also suchen wir im Internet nach einem Hostel, in dem wir übernachten können. Hier ist geschicktes Googlen angesagt, denn die Ergebnisse der Sucheingabe „Strand“ und „Hostel“ sind nicht sehr hilfreich. Nach langer Suche, sowohl im Internet, als auch in Real Life, gibt es leider kein Happy-End. Wir übernachten auf dem Parkplatz des Hafens von Gordon Bay, was eigentlich nicht erlaubt ist (aber laut eines Italieners, der dort ein Restaurant betreibt, ja auch nicht ausdrücklich verboten). Es ist weniger eine eventuelle Strafe, die uns dabei Sogen macht, als der Gedanke, mitten in der Nacht von einem Parkwächter aufgescheucht zu werden. Doch die Nacht verläuft ruhig, was ein Glück ist, denn die nächsten Tage werden wir alle Energie brauchen, wenn wir dem Monster der Weltmeere Auge-in-Auge begegnen.
Mit bloßem Auge kann man hier von der Küste aus Wale beobachten. In Neuseeland musste ich für den Anblick eines Walrückens noch eine Ewigkeit von einem Schnellboot durchgeschaukelt werden, hier erblicke ich einen Brydes-Wal als ich gerade mit einem Latte Macchiato in der Hand in einem Café beim Frühstück sitze. Von Juni bis Dezember durchpflügen vor Hermanus Grauwale, Buckelwale und Orcas das Meer. Vom Aussichtspunkt in der Stadt kann man sie einfach so beobachten. Und wer nicht die ganze Zeit damit verbringen will, aufs Meer zu starren, der achtet einfach auf den Wal-Ausrufer: Eric Davalala ist Angestellter der Stadt und läuft in der Walsaison mit einem aus Wasserpflanzen gefertigtem Horn durch die Stadt. Sobald sich ein Wal blicken lässt, bläst Eric einmal kräftig ins Horn. An manchen Tagen kann ihm dabei ganz schön schwindelig werden, bei bis zu 1600 Walen vor der Küste.
Doch es sind nicht die Wale, die ich mit „Monster der Weltmeere“ meinte. Neben Walen gibt es hier nämlich noch Haie, speziell Weiße Haie. Rund um die Weißen Haie hat sich in Hermanus und im Nachbarort Gaansbai eine 60- bis 100-Millionen-Dollar Industrie entwickelt. Früher wurden die Tiere gefangen und getrocknet nach Asien und Australien verkauft. Das ist seit 1991 verboten und so haben ehemalige Fischer wie Bryan McFarlane ihre plötzliche Liebe zu den Tieren entdeckt und bieten nun Touren an, bei denen Touris in Käfigen neben Weißen Haien tauchen. Während ich weiter an meinem Latte Macchiato nippe, erzählt Brian vom Hai-Business. Zwölf Anbieter des Sharkdivings gibt es in Südafrika, acht davon alleine in Hermanus. Alle brauchen eine staatliche Zulassung, manche können zudem noch irgendwelche Öko-Awards vorzeigen. Doch am Ende arbeiten alle Anbieter gleich: Mit Hilfe von zerstampften Fischabfällen werden die Haie an ein mit Touristen besetztes Boot gelockt. Sobald die Haie da sind, springen die Touris im Neoprenanzug und mit Taucherbrille in den neben dem Boot baumelnden Käfig. Auf ein Kommando der Crew („down!“) taucht man ab und sieht den Hai am Käfig vorbeiflitzen. Der schlechteste Platz im Käfig ist dabei der, über dem immer wieder der tropfende Köderfisch gezogen wird, so dass man nicht nur Haifisch von vorne, sondern auch Tunfisch von oben bekommt.
Aber das erzählt uns Bryan natürlich nicht – das merken wir erst, als wir selber auf dem Boot sind. Etwa 30 andere Leute haben die Tour zum Preis von etwa 130 Euro gebucht. Alles ist perfekt organisiert. Noch am Festland werden die angehenden Haitaucher mit einem Frühstück versorgt, anschließend gibt es auf großen Flatscreens die wichtigsten Infos zu Haien (können beißen) und zur Sicherheit (die Hände darum bitte im Käfig lassen), dann geht es auf das Boot. Die Wartezeit zwischen den Tauchgängen kann man sich auch hier wieder mit Sandwiches, Chips und Cola vertreiben, was alles im Preis inbegriffen ist. Wer sich vorher mit Tabletten gegen Seekrankheit versorgt hatte, konnte das Snackangebot auch nutzen; andere wiederum suchten ihren Platz am Bug des Schiffes, um sich das Frühstück nochmal durch den Kopf gehen zu lassen. Von außen sicher ein skurriles Bild: Am Heck werden mit Fischresten Haie gefüttert, in der Mitte futtern Leute im Neoprenanzug Sandwiches und am Bug werden Kotztüten gefüllt.
Nicht nur deshalb haben wir nach der Tour ein flaues Gefühl im Magen. Ist es wirklich richtig, Haie mit Hilfe von literweise Fischblut an ein Boot voller Touristen zu locken? Werden die Tiere vielleicht an Menschen gewöhnt? Oder aggressiver? Werden wegen solcher Touren letztlich mehr Menschen von Haien attackiert? Und für die Haie kann das Spektakel doch auch nicht gut sein…?
Der Bedenkenträger in mir hat Fragen. Darum fahren wir noch am gleichen Tag zum „South African Shark Conservancy“, einer Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Haie zu erforschen und zu schützen. Tamzyn arbeitet als Wissenschaftlerin beim SASC und während hinter ihr in einem großen Becken Katzenhaie ihre Runden drehen, erzählt sie uns von ihrer Sicht auf das Haitauchen. Zu unserer Überraschung ist sie davon völlig begeistert. Menschen würden so lernen, dass der Weiße Hai nicht der Killer ist, als den Steven Spielberg ihn dargestellt hat. Die Angst vorm Hai würde so genommen werden und der Wille, die Tiere zu schützen, bei den Menschen wachsen. „Und für die Haie ist das Füttern und Käfigtauchen auch völlig ungefährlich“, fügt Tamzyn noch hinzu. Aber, aber, aber…was ist mit den vielen Haien, die durch das Sharkdivings an die Küsten gelockt werden? „Unsinn. Hier waren schon immer viele Haie. Und aggressiver werden die auch nicht.“ Tamzyn sagt uns dann noch, dass vermehrte Haiattacken nur darauf zurückzuführen seien, dass immer mehr Menschen irgendeinen Wassersport machen. Logisch: Je mehr Surfbretter auf dem Wasser, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass eins davon mit dem Kieferabdruck eines Haies wieder an Land kommt. Im Schnitt gibt es pro Jahr eine „hai-basierte Verletzung“ an der Küste von Südafrika, sowie eine „fatale hai-basierte Verletzung“ alle 1,2 Jahre, so die offizielle Statistik. Trotzdem: Da ich wenig Lust habe, Teil dieser Statistik zu werden, werde ich die nächsten Wochen das Meer meiden. Außer ich bin von einem Käfig umgeben.

 

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