Kapstadt

Worauf ich schon immer gehofft hatte, wurde nun endlich wahr: Ein kostenloses Upgrade! Leider nicht bei South African Airways, sondern kurz danach, als wir unseren Campervan in Empfang nehmen. Gebucht war ein wendiger Flitzer mit kuscheliger Liegewiese für zwei Personen, stattdessen bekommen wir einen Flugzeugträger auf vier Rädern, der vermutlich etwa drei Klassen über meiner offiziellen Fahrerlaubnis liegt. Der Liegewiese trauere ich nicht nach (Jasper sabbert im Schlaf), aber die Wendigkeit des Fahrzeugs werden wir in den nächsten sieben Wochen vielleicht noch vermissen.

Sieben Wochen werden wir nun also durch Südafrika fahren. Wobei unser Gepäck etwas weniger Zeit hier verbringt, denn es kam erst deutlich nach uns am Flughafen an. Aber möglicher Weise bleibt das ein oder andere Teil ja dafür auch länger hier – wenn man sich die Diebstahlsstatistik anschaut vielleicht sogar für immer. Aber hoffen wir das Beste. Außerdem ist etwas weniger Gepäck ja auch nicht immer schlecht, wie ich direkt bei unserer ersten Tour durch Kapstadt merke. Kamera, Objektive, Akkus und der ganze andere Kram zum Filmen wiegt doch so einiges. Die Filmausrüstung bugsieren wir als erstes auf das Wahrzeichen Kapstadts, den Tafelberg. Die Seilbahn hilft uns dabei. Auf dem Tafelberg gibt es anders als erwartet nicht nur Horden von Touristen, sondern auch eine tolle Aussicht auf die Stadt und murmeltierartige Wesen (wie gesagt, ich meine nicht die Touristen). Eine Hinweistafel verrät mir, dass es sich bei diesen Wesen um Dassies handelt (bei denen ich übrigens gerne mal auf einem Familientreffen wäre, denn die kleinen Nager sind wohl mit Elefanten und Seekühen verwandt) bevor ebendiese Hinweistafel in den Wolken versinkt. Das ist nämlich das Ding auf dem Tafelberg: Er liegt gerne mal in den Wolken. Die tolle Aussicht ist dann natürlich dahin, aber dafür hat man das Erlebnis, von einer Wolke verschluckt zu werden. Ein Gefühl, dass man sonst nur noch aus Raucherkneipen kennt.

Unterhalb des Tafelberges liegt, nunja, Kapstadt. Die Stadt erkunden wir zu Fuß, zu Taxi und zu Bus. Und zurück zum Campingplatz geht es dann per Bahn. Leider, leider, leider erwischen wir die falsche Bahn. Was aus zwei Gründen „nicht so gut“ ist. Die Bahn fährt nicht dahin, wo wir hinwollen. Und die Bahn fährt eine Strecke, die unser Campingplatz-Besitzer am Morgen noch als „the ugly Route“ bezeichnete. Die Strecke führt durch mehrere Townships. Doch alles halb so wild. In unserem Abteil sitzen mehrere Männer, deren Neon-Schutz-Westen sie in abgewetzten Buchstaben als Sicherheitsmänner auszeichnen. An einer Stelle weisen mich die freundlichen Herren darauf hin, doch bitte das Fenster zu schließen, da hier besonders gerne mit Steinen durch die offenen Fenster geschmissen werden würde. Respekt an alle, die es schaffen, in das 50×50 Zentimeter großes Fenster einer fahrenden U-Bahn zu treffen. Diese Spitzensportler müssen wir kennenlernen! Und darum fahren wir am nächsten Tag ins Township, um die Townshipbewohner persönlich zu treffen.

Wir treffen Siviwe am Gemeinschaftshaus von Langa, dem ältesten Township Kapstadts. Siviwe ist 31, wurde in Langa geboren und wird auch für immer in Langa leben. Das ist sein Wunsch, erzählt er uns. Denn er ist stolz, Townshipbewohner zu sein. Siviwe ist aber keiner der Steine wirft, sondern ein Businessman. Er hat viele Geschäfte. Er berät Hollywood-Studios, die im Township drehen wollen, er macht Marktforschung für Firmen wie Unilever, die wissen wollen, welche Produkte im Township angesagt sind – und er macht mit Touristen Touren durch seinen Stadtteil. Wobei Siviwe es lieber „Besuche“ statt „Touren“ nennt. Denn er sieht seinen Job als Möglichkeit, eine Brücke zwischen den Kulturen zuschlagen und Vorurteile abzubauen. Und genau so ist es auch. Wer mit Siviwe durchs Township zieht, fühlt sich als Besucher bei Freunden. Freundlich begrüßen uns die Bewohner, als Siviwe uns durch die schmalen Gassen zwischen den Wellblechhütten führt. Aus einer Hütte kommt laute Musik, es ist der Dimamgwe Club. Nichts weiter als ein Raum mit Bänken, unter denen Bierflaschen stehen. Khaya ist Clubbetreiber, DJ und Barkeeper in einem. Welche Musik er so auflegt? „Alles außer HipHop!“. Ein paar Hütten weiter teilen wir uns ein Gebräu aus Milch und Getreide mit einer Gruppe älterer Männer. Wir werden mit einem komplizierten Handshake begrüßt, danach stemmen wir den 5-Liter-Bottich und nippen reihum an dem Getränk. Nur zwei Prozent Alkohol hat das Township-Bier, gerade richtig um „nicht betrunken zu werden, aber trotzdem gesprächig“, wie Siviwe uns lachend erklärt. Überhaupt lacht Siviwe sehr viel. Er strahlt die meiste Zeit, mit seiner Christian-Dior-Brille auf der Nase, dem Superdry-Shirt und der Fossil-Uhr am Handgelenk. Alles echt, keine Fakes! Das ist wichtig. Marken sind wichtig im Township, Style ist wichtig. Die drei obersten Regeln im Township sprechen für sich. Erstens: Zieh dich schick an! Zweitens: Fahr ein schickes Auto! Drittens: Es ist egal, wie dein Haus aussieht. Wegen der ersten Regel hängen überall im Township auch die Wäscheleinen voll mit bunten Kleidungsstücken. Ständig wird gewaschen, die Kleidung muss sauber sein. Vielleicht ist es nur weil wir von Siviwe begleitet werden, aber ich fühle mich zu keinem Moment unwohl im Township. Hier ist nichts Bedrohliches. Es gibt aber auch andere Townships, solche, wo sich auch Siviwe nicht reinwagen würde. Als wir zu Mittag mit Siviwes BMW zu einem Grillimbiss fahren, kommen wir an so einem Gangster-Township vorbei. Am Straßenrand liegt ein junger Typ, gut getarnt im Schatten eines Straßenschildes. Siviwe entdeckt ihn trotzdem: „Der liegt da und wartet, dass ein Auto im Stau zum Stillstand kommt – dann rennt er hin, schlägt die Scheibe ein und raubt dich aus.“ Diesen Trick kennen wir jetzt. Wir werden die nächsten Wochen jeden Schatten am Straßenrand ganz genau beobachten.

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