5 große Tiere und 2 große Ängste

Alle Südafrika-Reisende eint schon immer ein Ziel: Die Big-Five! Die Big-Five sind die Superstars der afrikanischen Wildnis. Früher wollte jeder ihre Köpfe überm Kamin hängen haben, heute reicht es den meisten, alle Big-Five vor die Kamera zu bekommen. Natürlich nicht gleichzeitig, das ist kaum vorstellbar, denn Löwe, Elefant, Nashorn, Büffel und Leopard vertragen sich naturgemäß nicht so gut. Wer die Big-Five sehen will, der muss in einen der zahlreichen Wildparks Südafrikas gehen – beziehungsweise lieber nicht gehen, sondern fahren. „Nicht aus dem Auto steigen!“ warnen uns am Eingang des Addo-Elephant-Parks große Schilder.
Der Addo-Park liegt am Ende der Garden Route und ist somit für alle, die nicht weitere 1.500 Kilometer bis zum Krügerpark fahren wollen, eine bequeme Möglichkeit, wilde Tiere zu sehen. Im eigenen Auto oder im Safari-Pickup mit Guide fährt man auf teilweise gut geteerten Straßen durch den Park. Wir tuckern mit einer Höchstgeschwindigkeit von 40 Km/h mit unserem Campervan durchs Gelände, das aus Büschen und niedrigen Bäumen besteht. Alles sieht viel weniger nach Afrika aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Bäume und Büsche tragen frisches Grün, dazwischen wächst saftiges Gras. In meiner Vorstellung lebten die Big-Five bislang in trockenerer Umgebung, aber vielleicht war ihnen das auch auf Dauer zu trist. So wandern unsere Augen also durch das dichte Grün, auf der Suche nach einem großen Grauen Ohr oder einem gepunkteten Fell. Als erstes sehen wir aber etwas gestreiftes: Eine Zebraherde steht direkt neben der Straße. Nur wenige Kurven weiter schieben sich plötzlich Elefanten durch das Dickicht. Der erste der Big-Five bekommt damit einen Haken auf der Karte, die wir mit dem Ticketkauf erhalten haben. Zebra: Check. Elefant: Check. Schnell sammeln wir weitere Haken. Sogar Löwen sehen wir faul neben der Straße liegen. Haben wir ein Glück! Oder ist es vielleicht gar nicht so viel Glück, sondern mehr Kalkül des Tierparks? Mehr und mehr habe ich das Gefühl, dass sich der Addo-Park, abgesehen von seiner Größe, gar nicht so sehr vom oft belächelten Safaripark Hodenhagen unterscheidet. Die Tiere sind an menschliche Besucher gewöhnt, trauen sich auf Greifweite an Autos heran. Die Wasserlöcher, wo sich die Tiere zum Trinken und Abkühlen treffen, liegen sicher auch nicht ganz zufällig in der Nähe der Straßen. Und wo wir Löwen sehen werden, wurde uns schon direkt am Eingang verraten – vielleicht, weil dies die Stelle ist, wo die Tiere regelmäßig gefüttert werden? Ein Ranger versichert uns, dass dies nicht der Fall sei. Man wolle die Tiere ja nicht daran gewöhnen, dass Autos Essen bringen.
Am Ende des Tages haben wir hinter vielen Tieren einen Haken gemacht, die komplette Big-Five aber noch nicht gesehen. Der Tag hätte mir sicher weniger Spaß gemacht, wären alle Tiere aufgrund seines natürlichen Fluchtverhaltens schon über alle Berge gewesen, als wir mit unserem Campervan noch nicht mal in Sichtweite waren. Von mir aus dürfen die Tierparks also auch ein wenig Tricksen, damit Touristen ein bisschen mehr „wildes“ Afrika erleben.

Auf meiner Big-Five-Spotting-Liste fehlen nach dem Besuch im Addo-Elephant-Park nur noch zwei Tiere: der Leopard und das Nashorn. Das ändert sich, als wir in den idyllisch zwischen Bergen gelegenen Ort Graaff Reinet kommen. Die Tiere, die ich hier sehe, haben aber ihre besten Tage schon hinter sich. Seit Jahren schauen sie mit starren Augen den Mitgliedern des „Graaff Reinet Club“ beim Billard zu. Auch mein viertes Big-Five-Tier, der Leopard, hat hier neben Wasserbüffel und Kudu (ähnlich eines Hirschen) seinen Platz an der Wand gefunden. Der „Graaff Reinet Club“ ist einer der ältesten Clubs Südafrikas. Als er vor fast 200 Jahren gegründet wurde, durften nur Männer in den Club eintreten. Und dort taten sie dann alles, was Männer tun wenn sie unter sich sind: Saufen und Schießen. Die Einschusslöcher im Tresen sind ausgebessert, aber als ich unter den Tresen fasse, kann ich noch die Stellen spüren, wo die Patronen das dicke Holz durchschlagen haben.
Der Club wirkt auf mich wie ein Vereinsheim. An den Wänden hängen Erinnerungsstücke an die Geschichte des Clubs und des Ortes Graaff Reinet. Das Modell einer Dampflock steht in einer Ecke, in einer anderen ein Hocker aus einem Elefantenfuß. Ein Clubmitglied hat den Niederschlag von 1952 bis 1978 in Graaff Reinet notiert und in einem Bilderrahmen an die Wand gehängt. Gegenüber hängt eine alte Wanduhr, die stündlich die Melodie des Big Ben in London schlägt. Hier ticken die Uhren anders. Conrad, ein Clubmitglied, mit dem wir ins Gespräch kommen, stellt uns den anderen als „German Spies“ vor, Deutsche Spione. Neben der Eingangstür hängen Karikaturen von langjährigen Clubmitgliedern. Piloten, Zahnärzte, Farmer. Auf den Bildern erkenne ich, was die Clubmitglieder machen, wenn sie nicht hier am Tresen stehen. Drei Bilder zeigen auch Schwarze, es sind drei der verdienstvollen Barkeeper des Clubs. Ansonsten ist die Prozentzahl der Schwarzen in diesem Club vermutlich etwa so hoch wie die Anzahl der Antialkoholiker.
Unser Reiseführer beschreibt Graaff Reinet als einen Ort, in dem man „den ganzen Tag und die ganze Nacht herumspazieren möchte“ und spielt dabei auf die schönen Häuser mit hübschen Gärten an. Er verschweigt aber, dass auf den Straßen fast ausschließlich ärmlich aussehende Schwarze herumlaufen. Mehrmals werden wir nach Geld oder Essen gefragt. Wir fühlen uns unwohl. Hier kann man tagsüber herumlaufen, nachts gilt aber das selbe wie im Addo-Elephant-Park: Niemals das Auto verlassen. Auch darüber sprechen wir mit Conrad. Wie kommt man nach hause, wenn man einen Abend im Club verbracht hat? Conrad setzt sein Bier ab und lacht: „Na, mit dem Auto! Keine Sorge, ab 22 Uhr hat die Polizei Feierabend“.
Diese Aussagen hören wir immer wieder, nicht nur in Graaf Reinet. Wir hören sie von Studenten in Grahamstown. Wir hören sie von Campingplatzbesitzern in Bathurst. Und vom Tourguide in Dundee. In Südafrika ist es anscheinend gefährlicher, nach Sonnenuntergang zu Fuß unterwegs zu sein, als besoffen Auto zu fahren. Warum wir nicht betrunken ins Auto steigen wollen, kann keiner in Südafrika nachvollziehen. „Selbst wenn Euch die Bullen anhalten – gebt ihnen ein Burger bei Kentucky Fried Chicken aus und gut ist“, sagen uns die Studenten in Grahamstown. Für uns bedeutet das, dass wir abends gar nicht mehr auf den Straßen unterwegs sein werden. Wir wollen weder von armen Schwarzen ausgeraubt, noch von betrunken Weißen überfahren werden.

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