Dumme und schräge Vögel

Für den römischen Gelehrten Plinius war klar: Der Strauß ist saublöd! Um genau zu sein formulierte Plinius es in einem seiner naturwissenschaftlichen Bücher so: „Das dümmste Tier unter allen sind sie. So groß sie doch sind, wenn sie ihren Kopf und Hals in einem Busch oder Strauch verstecken, glauben sie, sie seien sicher, und dass kein Mann sie sehen kann.“ Neuerdings kann ich mich neben dem guten alten Plinius in die Reihe der Straußexperten einreihen. Denn in Oudtshorn besuchen wir eine Straußenfarm.
Der Ort Oudtshorn ist durch die Straußenzucht reich geworden. Zu Zeiten, in denen sich feine Damen Federn an den Hut steckten, boomte die Straußenzucht in Oudtshorn. Straußenfedern wurden damals angeblich in Gold aufgewogen. Doch Zeiten ändern sich und die Damenwelt trägt keine Hüte mehr, erst Recht keine mit Straußenfedern. Pech für die Straußenzüchter von Oudtshorn, aber noch größeres Pech für die Strauße, wurden doch die Farmen von der Feder- auf die Fleischproduktion umgestellt. Von dem blutigen Teil dieses Geschäfts bekommen wir auf der Cango-Straußenfarm aber nichts mit. Denn wie wir schnell merken, ist das, was die Besucher zu Gesicht bekommen, ein Straußenzirkus und hat mit einer echten Farm so viel gemeinsam wie ein Vogelstrauß mit Albert Einstein (wobei beide zugegebener Maßen eine ähnliche Frisur haben).
Zu Beginn der Führung darf jeder Besucher mal ein Straußenei anfassen. Ein Straußenei ist 24-mal so groß wie ein Hühnerei und das Erlebnis ein Straußenei anzufassen darum auch 24 mal so spannend. Theoretisch. Anschließend wird uns der erste Strauß vorgeführt. Eigentlich eine Sträußin, Betsy heißt sie und jeder der will darf sie mal umarmen. Fast jeder will und Betsy muss wollen. Nächste Station: Babysträuße streicheln. Ablauf ähnlich wie bei Betsy nur diesmal mit höherem Ach-wie-süß-Faktor. Es ist aber auch niedlich, wie die kleinen Sträuße ihre schon recht langen Hälse nach der fütternden Hand strecken. Und die winzig kleinen Krallen an den Füßen, die sicher noch nicht ganz so tödlich sind, wie bei Mama und Papa. Und an dieser Stelle muss man mal Plinius für seinen Mut bewundern, einen Vogel, der rasiermesserscharfe Krallen hat und bis zu 50 Km/h schnell laufen kann, als dumm zu bezeichnen. Da fragt man sich doch, wer hier der Dumme ist. Während mir diese Überlegungen durch den Kopf gehen, sind wir schon bei der nächsten Attraktion angekommen: Dem Straußenreiten. Um es kurz zu machen – es hat seine Gründe, weshalb in der menschlichen Zivilisationsgeschichte keine Schlachten „zu Strauße“ geschlagen wurden. Straußenreiten sieht nicht nur lächerlich aus, es ist sicherlich auch schlecht für den Rücken; sowohl für den des Reiters, als auch den des Tieres. Überraschender Weise gibt es aber keine Schwerverletzen und so kann die ganze Touristentruppe weiter in Richtung Souvenirshop gehen, beziehungsweise humpeln. Auf der weiteren Fahrt kommen wir dann an einigen echten Straußenfarmen vorbei. Die Vögel stehen in großen Herden auf der Weide und kommen interessiert an den Zaun gelatscht, sobald man sich ihnen nähert. Wer also Straußenfolklore will, der sollte auf eine der Show-Farmen rund um Oudtshorn gehen. Wer einfach nur mal ein paar Straußen in ihre langbewimperten Augen sehen will, der sollte einfach einen Zwischenstopp am Straßenrand einlegen.

Wir lassen die Straußen links und rechts liegen und fahren wieder zurück an die Küste. Über Mossel Bay (eine Stadt, die hält alles was der Name verspricht: Es gibt eine Bucht und es gibt Muscheln) geht es nach Jeffreys Bay. Jeffrey lernen wir hier nicht kennen, dafür sind wir vermutlich ein paar hundert Jahre zu spät, aber stattdessen jemanden, der Jeffrey noch persönlich gekannt haben muss. Bruce Gold! Jeffreys Bay ist DER Surferort in Südafrika und Bruce Gold ist DIE Surferlegende des Ortes. Zur Legende wurde Bruce nicht weil er einer der besten Surfer des Ortes ist (das ist er nämlich nicht), sondern weil er einer der ersten Surf-Hippies des Ortes war. Damals, als man sich von nichts mehr als Haschischluft und Liebe ernährt hat, ließ sich Bruce in Jeffreys Bay nieder. Er lebte in der Hippie-Kommune am Strand und während um ihn herum aus einem verschlafenen Kaff eine kleine Stadt wurde, stieg Bruce jeden Morgen auf sein Surfbrett und surfte die legendären Wellen vor Jeffreys Bay. Das erzählt uns Bruce, während wir in seinem Hippie-Zimmer stehen und er sich ausgehfein macht. Bruce setzt sich die strahlendweiße Zahnprothese ein und die verspiegelte Sonnenbrille auf. Ich schaue mich in seinem Zimmer um, dass er für wenig Geld von einem ihm freundlich gesinnten Geschäftsmann gemietet hat. Surfbretter hängen an der Decke, Fotos und Zeichnungen (die meisten zeigen ihn selber) liegen herum. Auf einem kleinen Tisch neben dem Bett stehen Döschen mit verschiedenen Cremes, über dem Bettpfosten baumeln Muschelketten. Scooter Girl kläfft um meine Beine herum. Als wir aufbrechen nimmt Bruce die Hundedame aber auf den Arm, denn aufgrund eines Hüftschadens läuft sie, als hätte sie gerade eine Runde Straußenreiten hinter sich. Wir ziehen mit Bruce durch Jeffreys Bay. An einer lauten Straßenecke zieht er ein altes Foto aus der Tasche: „So sah das hier früher aus. Schaut her, sie haben Jeffreys Bay vergewaltigt!“. Bruce Gold ist zwar die Ikone von Jeffreys Bay, aber als Werbefigur für den Ort taugt er eher nicht. Vor ein paar Jahren wollten sie ihn wegen solchen Aussagen sogar vom jährlichen Surf-Weltcup fernhalten. Das hat natürlich nicht funktioniert, Bruce hat zu viele Freunde. Autos hupen, Leute grüßen von der anderen Straßenseite, als wir mit ihm weiter durch den Ort ziehen. In seinem Lieblingscafé geben wir Bruce einen Eiskaffee aus. Ein schwarzer Junge kommt vorbei, verkauft Bohnen. Bruce kauft einen Beutel, zuhause wird er sie pürieren, sagt er. Klar, wenn man keine Zähne mehr im Mund hat, ist das sinnvoll, denke ich. Doch Bruce hat andere Gründe: „Frisch püriertes rohes Gemüse hilft sogar gegen Krebs!“. Er zeigt uns schwarze Stellen auf seiner alten Surferhaut. Die Sonne Südafrikas macht knackig braun, aber auch krank. Ab und zu geht Bruce ins Krankenhaus und lässt sich die schlimmsten Stellen rausschneiden. Ansonsten setzt er auf Eigentherapie, bestehend aus rohem Gemüse – und Hanf, direkt aufgetragen auf den Krebs. Wir zahlen den Eiskaffee, Bruce bittet darum, dass wir ihm noch zwei Beutel Erdnüsschen kaufen. Kein Problem, gerne. Abends schicke ich Bruce eine Freundschaftsanfrage bei Facebook, die er auch sofort akzeptiert. Ich lese sein neuestes Posting: „Sold the soul to German film crew for two packets of peanuts and iced coffee“.

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